SUMATRA: IM TIEFLANDREGENWALD DER ORANG-UTANS

Jubel! Wir sind ihnen schon sehr, sehr nahe. In den Wäldern auf der gegenüberliegenden Flussseite sind sie zu Hause: Sumatras Orang-Utans. Wir haben die lange Fahrt nach Bukit Lawang auf uns genommen, um den letzten ihrer Art einen Besuch abzustatten.

Abends treffen wir uns mit dem Rancher Itris, der uns morgen zu den „Waldmenschen“ – so die Übersetzung des malaysischen Wortes „Orang-Utan“ - führen wird. Wir bekommen noch einige Verhaltensregeln und Tipps mit auf den Weg, bevor wir uns in unsere Zimmer zurückziehen, um von der bevorstehenden Begegnung mit den Menschenaffen zu träumen.

Trekking zu den Orang-Utans

Am nächsten Tag brechen wir schon sehr früh auf. Es ist Sonntag und somit werden die indonesischen Touristen, die am Wochenende auf Orang-Utan-Abenteuer aus sind, in Großgruppen den Regenwald nur wenige Stunden später stürmen. Wir wollen ihnen zuvorkommen und das Naturerlebnis gebührend genießen.

Bereits nach wenigen Schritten folgt die erste Affenbegegnung des Tages. Der endemische Thomas-Langur turnt uns auf der Hängebrücke über den Fluss entgegen und buhlt um unsere Aufmerksamkeit.

Weiter geht es durch einen kleinen Eco-Park und bergauf durch Kautschukplantagen bis zum Regenwaldgebiet. Itris erinnert uns nochmals daran, dass die Orang-Utans hier halbwild sind – also vor vielen Jahren ausgewildert – und sich daher den Besuchern gerne nähern. Damit heißt es aufpassen auf die Rucksäcke, in denen die Orang-Utans Bananen und andere Schmankerl erwarten. In diesem Areal befinden sich 20 der zirka 700 Orang-Utans, die den Gunung Leuser Nationalpark bewohnen. Geschätzte 5000 rote Menschenaffen gibt es noch in ganz Sumatra.

Quelle: Sumatran Orangutan Society

Wir folgen wir den Pfaden durch den Regenwald. Hoffnungsvoll und schweigend, um die Wahrscheinlichkeit einer Orang-Utan Sichtung zu erhöhen. Immer wieder hören wir die Rufe anderer Affenarten. Ansonsten Stille. Orang-Utans hört man nicht. Kann man nicht hören. Denn die „Waldmenschen“ halten sich in der Regel völlig lautlos hoch oben in den Baumkronen auf und sind daher besonders schwer zu entdecken. Es handelt sich übrigens um die größten und schwersten im Baum lebenden Tiere.

Affenkraft

Man sieht es dem Orang-Utan vielleicht nicht an, weil er so schlaksig wirkt, aber er ist tatsächlich stark. Sehr stark sogar. Ich habe vor kurzem von folgendem Vorfall gehört: Orang-Utan Fachmann und Tierschützer Willie Smits befand sich zusammen mit dem indonesischen Minister und einer Schar Reporter in einem Orang-Utan-Auswilderungszentrum auf Borneo. Der Orang-Utan fühlte sich scheinbar durch das Blitzlicht der Fotografen gestört und griff durch das Gitter. Er erwischte mit den Spitzen von Daumen und Zeigefinger den Bund von Willies Jeans und riss sie ihm mit einem Ruck vom Leib. So stand Willie Smits in Bruchteilen einer Sekunde in Unterhosen – und vermutlich mit ziemlichen Schmerzen – vor dem Ministerpräsidenten. Bestimmt ein denkwürdiger Tag! Im Kölner Zoo wurde übrigens ein spannendes Experiment zu diesem Thema durchgeführt. Hier der Link für Interessierte: Affenkraft.

Die erste Begegnung

Es dauert nicht sehr lange, bis uns Itris zu verstehen gibt, dass er bereits ein Exemplar ausfindig gemacht hat. Die Aufregung unter uns ist spürbar. Und da sehen wir ihn schon: unseren ersten Orang-Utan. Itris erklärt uns, dass es sich um ein etwa 30 Jahre altes Weibchen handelt. Und plötzlich entdecken wir, dass sich in dessen Fell ein etwa einjähriges Jungtier verbirgt. Die Minuten der ersten Begegnung halten mich in Bann. Ich bin voller Ehrfurcht und Bewunderung für diese beeindruckenden Tiere. Ich könnte mich hier stundenlang aufhalten und einfach nur beobachten. Das Muttertier, das sich trotz seiner Größe mühelos und leichtfüßig durch den Wald schwingt. Das Jungtier, das sich auch im Schlaf instinktiv an seine Mutter krallt. Diese unglaubliche Ähnlichkeit zu uns Menschen. Das Gesicht, die Hände, der Blick.

Die Orang-Utan Dame klettert direkt zu uns herunter und streckt ihre langen Arme in unsere Richtung. Gleich wird auch klar, warum. Die einheimischen „Guides“, die sich zusammen mit zwei europäischen Besuchern unserer kleinen Gruppe angeschlossen haben, haben offensichtlich kleine Bananenstückchen dabei, die sie den Touristen in die Hände drücken, damit diese die Orang-Utans füttern und sich dabei fotografieren lassen können. Ich atme tief durch und überlege kurz, ob ich eingreifen soll. Statt den Menschen klar zu machen, wie gefährdet diese ohnehin fast ausgerotteten Tiere sind, ermutigen die selbsternannten Guides auch noch zur Kontaktaufnahme. Die Tatsache, dass durch den Kontakt mit dem Menschen Krankheiten auf den Orang-Utan übertragen werden könnten, die sie ernsthaft gefährden, wird mit keiner Silbe erwähnt. Aber klar, aufgrund der Fütterung nähern sich die Orang-Utans ungebremst und die Fotoqualität - und damit das Trinkgeld - steigt beträchtlich. Ein kurzer Blick zum Rancher. Itris scheint das Verhalten seiner „Kollegen“ zu dulden, auch wenn er sich nicht daran beteiligt. Er will es sich vermutlich nicht mit der Gruppe verscherzen. Ich beschließe, im Anschluss an die Trekkingtour sowohl mit meiner Gruppe als auch mit dem Rancher über diesen Vorfall zu sprechen.

Das Glück ist auf unserer Seite

Wir haben am heutigen Tag sogar noch mehrfach Glück. In Summe entdecken wir acht Orang-Utans. Drei Muttertiere mit jeweils einem Baby und zwei Juvenile, die in der Nähe ihrer Mutter herumturnen. Jungtiere bleiben in der Regel ungefähr sieben Jahre bei ihrer Mutter: das erste Jahr im ständigen Körperkontakt, 4 weitere Jahre werden sie gestillt.

Die Begegnung verläuft immer nach dem gleichen Muster – inklusive Fütterung. Einmal greift zu meinem großen Erstaunen auch unser Rancher zur Banane und reicht sie dem dritten Muttertier, dem wir begegnen. Erst als er uns erklärt, dass dieses Tier recht aggressiv ist und er es mit Bananen von uns ablenkt, verstehe ich. Er bittet uns, zügig an dem Orang-Utan vorbeizugehen. Scheinbar haben sie mit ihr schon schlechte Erfahrungen gemacht.

Nach einigem Bergauf und Bergab erreichen wir eine Futterstation der Orang-Utans. Itris erklärt uns, dass es fünf solcher Stationen in diesem Areal gibt und alle 6 Monate eine andere in Betrieb genommen wird, damit die umliegende Vegetation nicht so sehr durch die gehäufte Frequentierung der Orang-Utans leidet. Auf der Futterstation treffen wir übrigens keine Orang-Utans an. Kein Wunder, haben sie sich ohnehin schon den Bauch mit unseren Leckereien vollgeschlagen.

Unsere Trekking-Tour geht dem Ende zu. Wir erreichen den Grenzfluß zum Nationalpark, den wir mit einem zur Fähre umfunktionierten Rafting Boot queren. In Wahrheit ziehen uns die Guides an einem Seil auf die andere Seite.

Am Fluss entlang geht es wieder Richtung Ortszentrum. Das Abenteuer Orang-Utan ist zu Ende.

Das Dschungel-Lied

Wir haben heute übrigens den Bukit Lawang Song gelernt. Gerne zum Nachsingen ;-)

(Melodie Jingle Bells)

Anmerkung: Ich habe in diesem Blogbeitrag bewusst ein Thema ausgelassen, das mich persönlich aber sehr stark bewegt und beschäftigt: die akute Gefährdung des Orang-Utans und die Gründe dafür (illegaler Tierhandel, Palmölboom und illegaler Holzeinschlag – um nur drei Schlagwörter zu nennen). Ich glaube, dass eine Abhandlung darüber an dieser Stelle zu weit führen würde. Wer sich für dieses Thema interessiert, dem sei das folgende Buch ans Herz gelegt: Die Denker des Dschungels. Der Orangutan-Report. Von Gerd Schuster, Willie Smits, Jay Ullal.

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